„Die Tauentzienstraße setzte sich lange erfolgreich gegen die Rivalität des Kurfürstendamms durch. Sie übertraf ihn an Geschäftigkeit und an Glanz der an den Dächern aufblitzenden Leuchtschriften." Als Namensgeberin der Stadt diente die früh verstorbene Gemahlin Friedrichs III., Sophie Charlotte. Die Einwohnerzahl Charlottenburgs steigt in den folgenden Jahren explosionsartig: 1871 zählt Charlottenburg erst 20.000 Einwohner, 1893 erreicht ihre Zahl 100.000 und wächst bis zur Jahrhundertwende auf 182.000 an.
In den Berliner Adressbüchern von 1897 ist unter Marburger Straße 3 ein Neubau vermerkt, die Eigentümer sind Paul Mühsam und E. Sohn. Die Baugenehmigung wird bereits im Juli 1896 erteilt, die Abnahme des Rohbaus findet im November 1897 statt. Das neu erbaute Haus mit seinen großzügigen und herrschaftlichen Wohnungen — bestehend aus 8 bis 12 Zimmern — wird bald mit Leben erfüllt.
1908 kommt die Tochter Elisabeth Ruth Hildegard von Paul Mühsam und seiner Frau Johanna Elisabeth zur Welt. Ein Jahr später zieht die Familie selbst in die Marburger Straße ein. Im Haus sind ein Dutzend Bewohner gemeldet, darunter ein Arzt, ein Blumenhändler und ein Friseur. Alle Mieter haben Telefon.
Paul Mühsam stirbt am 20. November 1922. Das Haus erbt laut Testament seine Ehefrau Johanna Elisabeth »Else« Mühsam, mit der Auflage, dass es auf die Tochter Hildegard übergeht, sollte die Witwe sterben oder wieder heiraten. Am 16. Januar 1928 wird Hildegard Mühsam als Eigentümerin eingetragen. Im Juni 1925 wird das Dachgeschoss in der Marburger Straße zu einem Maleratelier ausgebaut.
Im Mai 1931 ersucht Else Mühsam um die Genehmigung, die großen Wohnungen mit 8–12 Zimmern in kleinere mit 5–6 Zimmern umwandeln zu dürfen — als Reaktion auf mangelnde Nachfrage. 1934 geraten die jüdischen Eigentümer unter nationalsozialistischen Druck: Das Eigentum von Hildegard Oppenheim, geb. Mühsam, wird auf ihre Mutter zurück übertragen. Hildegard, väterlicherseits Halbjüdin, rettet sich durch eine Ehe mit dem dänischen Geschäftsmann Erik Schmidt und erlangt so die dänische Staatsbürgerschaft.
In der Nacht vom ersten zum zweiten November 1943 wird Charlottenburg Ziel schwerer Bombardierungen. Die darauf folgenden Luftangriffe am 22. und 23. November 1943 legen den Stadtteil in Schutt und Asche. Das Eigentum von Familie Mühsam bleibt erhalten — trotz aller Verfolgung gelingt es Else Mühsam, das gemeinsame Eigentum durch die Kriegszeit zu bringen.
Auch die Häuser der Marburger Straße liegen so gut wie vollständig in Trümmern — bis auf eine Ausnahme. Die Nummer 3 steht nahezu in ihrem einstigen Glanz. Wie durch ein Wunder haben das Haus und selbst die mit Stuck verzierte Fassade die Bombenangriffe unbeschadet überstanden.
Johanna Elisabeth »Else« Mühsam stirbt am 19. Januar 1957 um 10 Uhr, einen Monat vor ihrem 80. Geburtstag, in ihrer Wohnung in der Marburger Straße 3. Die Bezirke Charlottenburg und Wilmersdorf werden zum Zentrum von Westberlin.
Am 20. Januar 1961 bricht im Dachgeschoss des linken Seitenflügels ein Feuer aus, das mit der Kübelspritze gelöscht wird. Im Herbst 1967 lässt Hildegard Dahlmann die Wohnungen im ersten und zweiten Obergeschoss erneut umbauen — große Büroräume werden verkleinert und zu Wohnungen umgewandelt.
Hildegard Dahlmann empfängt den neuen Mieter Volker Mayr in ihrer wunderschönen Wohnung in der Beletage: „Es war sehr unterhaltsam und anregend, mit der feinen älteren Dame zu plaudern." Sie sagt zu ihm: „Wissen Sie eigentlich, dass Sie in der Wohnung leben werden, in der ich meine Kindheit verbracht habe." Die Eigentümerin behält sich die Mieterauswahl stets selbst vor und kümmert sich persönlich um Erhalt und Sauberkeit des Hauses.
In den frühen Morgenstunden des 30. Oktober 1984 stirbt Hildegard Dahlmann im Alter von 76 Jahren. Das Haus Marburger Straße 3 geht laut Testament an den langjährigen Hausverwalter Karl-Heinz Wilhelm.
Als Timo Miettinen das Haus in der Marburger Straße 3 zum ersten Mal sieht, ist es ohne Übertreibung Liebe auf den ersten Blick. Zum Jahreswechsel 2009/2010 macht er Urlaub in Berlin und steht mit seiner Frau zufällig an der Ecke Marburger Straße.
„Ich sagte zu meiner Frau, lass uns jetzt dort entlang gehen. Dann sah ich dieses unglaublich schöne Haus zum ersten Mal."
Timo Miettinen ist in Berlin auf der Suche nach einer geeigneten Immobilie für sein finnisches Familienunternehmen EM Group. Über vierzig Immobilien hat er sich bereits angesehen. Der Kaufvertrag mit Karl-Heinz Wilhelm wird nach harten Verhandlungen bereits einige Wochen nach der ersten Begegnung im Sommer 2010 geschlossen.
Seither wird die »Beletage« des Hauses von Grund auf saniert. Die Stuckverzierungen an den Decken sind wiederhergerichtet, die ursprünglichen Fußböden erstrahlen in neuem Glanz. Ziel ist, das Haus allmählich zu modernisieren, Büroräume zu vermieten — und gleichzeitig „Kultur, Design und Kunst zu fördern", wünscht sich Timo Miettinen.
A Finnish private collection, in the heart of Berlin. The Miettinen Collection brings together works by international artists — in one of the few Wilhelminian buildings in Charlottenburg to survive the war unscathed, selections from the collection are presented to the public in changing exhibitions.
Timo Miettinen, chairman of the EM Group Oy in Finland, has been close to art since the age of fifteen, when he began collecting nineteenth- and twentieth-century Finnish landscape painting together with his mother. Since 2004 he has extended the collection into international contemporary art. Having worked in Germany for many years, he remains deeply connected to the country, which he calls his “second intellectual home.” For him, presenting the collection means building a bridge between Berlin and Helsinki — giving both international artists and Finnish artists who are still little known here a stage.